Debüt als parlamentarische Beobachterin

07. Oktober 2018  Unterwegs

Ende September fragte mich ein Genosse aus Magdeburg, ob ich mir vorstellen könne, beim Bundesligaspiel 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden am 6. Oktober als parlamentarische Beobachterin dabei zu sein: Die Fanhilfe Magdeburg würde gern gemeinsam mit der Fanhilfe aus Dresden einen solchen Beobachter einsetzen. Wegen der schweren Ausschreitungen beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Clubs im Jahr 2016 erhofften sich die Fanhilfen durch einen neutralen Beobachter aus dem parlamentarischen Raum einen entspannteren Umgang von Polizei und Fans.

Weil schon andere Parlamentarier aus unterschiedlichen Gründen abgesagt hatten, willigte ich nach kurzer Bedenkzeit.

Ausrüstung für parlamentarische Beobachter: Warnweste (hier Marke Eigenbau), Arbeitskarte fürs Stadion und Abgeordnetenausweis.

Erwartet hatte ich eine unauffällige Aktion, in der es schon Routine gibt. Als ich dann aber einige Tage vor dem Spiel eine Pressemitteilung zur Abstimmung bekam, ahnte ich allmählich, dass sich aus dieser kleinen Aktion doch mehr entwickeln würde.

Das bestätigte sich dann zwei Tage vor dem Spiel. Mehrere Pressebeiträge in der Volksstimme und beim MDR wiesen auf den Einsatz einer parlamentarischen Beobachterin beim Spiel hin, den offenbar ersten überhaupt.

Und dann hörte das Telefon nicht mehr auf zu klingeln.

Zuerst meldete sich die Polizei, die aus der Presse erfahren hatte, dass ich als Beobachterin agieren würde. Bei dem Kollegen, der beim Spiel vor Ort sein würde, informierte ich mich über den Polizeieinsatz.

Dann rief das Deutschlandradio an, mehrere Journalisten vom MDR (Fernseh- und Internetredaktion), die Volksstimme, die Fanhilfe Magdeburg. Ich wurde langsam nervös. Die Medien wollten von mir wissen, was denn ein parlamentarischer Beobachter macht, wann, wo und wie lange ich am Stadion sein würde, wie ich erreichbar wäre. Tja, keine Ahnung. Das hatten wir bis dahin noch nicht besprochen.

Also rief ich meine Landtagskollegen in Sachsen an. Ich hoffte, dass diese schon Erfahrungen mit einem solchen Einsatz gemacht hatten und mir davon berichten konnten. Konnten sie nicht.

Also weiter telefonieren. Nach diversen Gesprächen mit Menschen aus drei Bundesländern hatte ich langsam eine Vorstellung meiner Aufgabe. Parlamentarische Beobachter werden vor allem bei Demonstrationen eingesetzt, um das Verhalten von Demonstranten und Polizei neutral zu beobachten. Landtagsabgeordnete können mit ihren Ausweisen Polizeiabsperrungen durchqueren und so von allen Seiten beobachten.

Beim Fußballspiel sollte ich mir auf Hinweis der Fanhilfe besonders die Anreise- und Abreisesituation bei den Gästefans anschauen. Dort gab es in der Vergangenheit Ausschreitungen.

Um mir frühzeitig einen Überblick zu verschaffen, fuhr ich bereits zwei Stunden vor Spielbeginn zum Stadion. Von der Fanhilfe Magdeburg bekam ich eine Arbeitskarte fürs Stadion, mit der ich mich frei in allen Blöcken des Stadions und im Außengelände bewegen konnte.

Als erstes gab es eine Besprechung mit den Fanhilfen der Clubs, bei der die aktuelle Gefahrenlage und die Veränderungen zu vorherigen Spielen erklärt wurden.

Der Gästebereich mit den Dynamo-Fans. Rechts und links vom Block gibt es Pufferzonen mit Sicherheitspersonal.

Dann machte ich mich in Begleitung von Daniel George, einem MDR-Journalisten, auf dem Weg zu den Fanblöcken. Daniel George blieb fast den gesamten Tag an meiner Seite und berichtete nach dem Spiel über meinen Einsatz.

Ich trug eine gelbe Warnweste mit der Aufschrift „Parlamentarische Beobachterin“. Auch bei Demos haben Beobachter solche Westen. So wird man (hoffentlich) als neutrale Person erkannt und nicht aktiv in mögliche Konflikte hineingezogen.

Da an den Eingängen alles ruhig und geordnet ablief, begab ich mich kurz vor dem Spiel ins Stadion, zuerst in den Gästebereich. Ich wollte mir anschauen, wie die Stimmung bei den Dynamo-Fans war und ob es irgendwo Probleme gab.

Die über 2.000 Fans standen im Gästeblock ziemlich eng, die Stimmung schien erwartungsfroh. Entgegen der Annahme des Journalisten gab es bei meinem Rundgang durch den Block weder verbale noch tätliche Konfrontationen. Die Dynamo-Fans schienen über den Einsatz einer Beobachterin informiert zu sein und waren sehr entspannt.

Im Block U wurde in der 2. Halbzeit Pyrotechnik gezündet, ansonsten verlief alles friedlich.

Anders im Block der Magdeburger Ultra-Fans (Block U): Dort wollte ein Fan mich erst gar nicht auf die Tribüne lassen, stellte sich mir in den Weg, hielt mich am Arm fest und empfahl mir lautstark, den Block zu verlassen. Ich konnte dann an einer anderen Stelle passieren. Prinzipiell kann ich nachvollziehen, dass die Ultras keine fremde Person in ihren Reihen haben wollten, wer lässt sich schon gern zuhause hinters Sofa gucken? Wenn jedoch eine Beobachterin eingesetzt wird, muss sie auch die Möglichkeit haben, überall hinzuschauen. No-Go-Areas für neutrale Beobachter widersprechen dem Sinn solcher Aktionen. Der Kollege vom MDR begleitete mich übrigens nicht in den Ultra-Block – ihm war die Sache zu heikel.

Nach dem Spiel lassen die Fans den Nachmittag entspannt ausklingen.

Kurz vor Ende des Spiels verließ ich dann das Stadion wieder und machte mich auf den Weg in den Gästeblock, um die Abreise der Fans zu beobachten. Während des Spiels waren Wasserwerfer vor den Ausgängen positioniert und die Sicherheitsgänge entfernt worden.

Ich begleitete die Fans bis zum Parkplatz, sah mich dort um und ging dann von außen wieder Richtung Haupteingang. Zwischen dem Gästebereich und dem Bereich der Ultras hatte die Polizei eine Straßensperre errichtet. Da auch im Bereich der FCM-Gäste alles ruhig und geregelt ablief, konnte ich, nach einem kurzen Abschlussgespräch mit meinem journalistischen Schatten die Heimreise antreten.

Insgesamt verlief alles sehr friedlich und entspannt und ich wurde als Beobachterin größtenteils positiv aufgenommen. Gut, dass das Spiel ohne Zwischenfälle stattfinden konnte.

Der wirklich lesenswerte Bericht bei MDR online findet sich hier, der Fernsehbeitrag zum Spiel kann hier angeschaut werden.

Haushalt – Es geht los!

30. September 2018  Fachpolitik, Im Landtag

Die vergangene Landtagssitzung stand ganz im Zeichen des Haushaltes. Der mehrere Kilo schwere Entwurf der Landesregierung wurde uns vorab postalisch und auch als Datei zur Verfügung gestellt (das erleichtert das Suchen nach bestimmten Titeln deutlich). Wir hatten also etwa eine Woche Zeit, um uns auf die Haushaltsdebatte im Landtag vorzubereiten.

Weil der Haushalt so ein wichtiges Thema ist, das alle Politikbereiche umfasst, wurde für die Landtagssitzung eine besonders lange Redezeit vereinbart. Insgesamt 300 Minuten aufgeteilt auf alle Fraktionen und die Landesregierung. Hier kann die gesamte Debatte nachgeschaut werden.

Die eigentlichen Verhandlungen über die Haushaltspläne der Ministerien beginnen erst nach der Debatte im Landtag (1. Lesung), daher sprechen traditionell die Fraktionsvorsitzenden zum Anfang. Wenn dann die Beratungen vorbei sind, kommt hoffentlich im Dezember die 2. Lesung, bei der dann die Finanzpolitiker reden, die ja bei allen Sitzungen dabei waren und den genauen Fortgang der Beratungen erlebt haben.

Komischerweise hat die Koalition diese Logik dieses Mal umgedreht. Die Finanzpolitiker haben die erste Debatte geführt und die Fraktionsvorsitzenden machen dann wahrscheinlich den Abschluss. Ob das zielführend ist, werden wir sehen. Meine Fraktion hat es jedenfalls bei dem alten Prinzip belassen. Unser Fraktionsvorsitzender hat dieses Mal gesprochen, ich rede dann im Dezember nach den Beratungen.

Es werden anstrengende und nervenzehrende Wochen bis Ende Dezember. Hoffen wir, dass ein sinn- und verantwortungsvoller Haushalt dabei heraus kommt…

 

Halbzeit!

20. September 2018  Im Landtag

 

Eine Frage der Größe – Teil II

18. September 2018  Fachpolitik, Im Landtag

Am 31. August haben mein Kollege Stefan Gebhardt und ich eine Kleine Anfrage bezüglich des neuen Dienstautos für Staatssekretär Schellenberger gestellt. Eine unserer Fragen bezog sich auf die Ausstattungsmerkmale des laut Empfehlung der Ärzte notwendigen Sitzes. Laut Gutachten sei ein den Hüftbeschwerden entsprechender Autositz „angepasst an den Körper“ erforderlich.

Um heraus zu finden, wie das bei anderen Menschen mit Hüftbeschwerden geregelt wird (nicht jeder kann sich einen 7er BMW leisten), habe ich bei einer Krankenkasse angefragt. Dort wurde mir gesagt, dass es bei Hüftleiden dieser Art individuell angepasste Sitzschalen gibt, die von Sanitätshäusern angefertigt werden. Ob die Kosten dafür übernommen werden, entscheidet die jeweilige Krankenkasse.

So sieht er aus, der 7er BMW Quelle: Wikipedia

Eine telefonische Nachfrage bei BMW hat ergeben, dass die elektrisch verstellbaren Einzelsitze von BMW (Executive Lounge Seating) keine Individualanpassungen sind. Ebenfalls sind die Executive Lounge Sitze nicht deutlich bequemer als ein Komfortsitz, der auch im 5er BMW erhältlich ist. Einziger Unterschied: Die Executive Lounge Sitze befinden sich hinten. Alle anderen Merkmale (Sitzheizung, Sitzbelüftung und Massagefunktion), die das Reisen komfortabler machen, sind auch auf Komfortsitzen im 5er BMW vorhanden.

Statt einen Sitz, der individuell auf seinen Körper angepasst ist, wählt Herr Schellenberger den nobelsten Standardsitz für die Rückbank aus der BMW-Aufpreisliste. Warum dieser Sitz besser geeignet sein soll als eine individuelle Sitzschale aus dem Sanitätshaus, ist nicht zu erklären. Ich möchte mich hier nicht über das Leiden des Staatssekretärs lustig machen, doch überzieht er hier maßlos und nutzt sein Leiden als Vorwand für ein Nobelauto auf Kosten des Staates und auf Kosten des Ansehens der Politik.

Spannend ist auch, dass Herr Schellenberg nur im Auto Beschwerden mit der Hüfte zu haben scheint, daher sind im Büro offensichtlich keine Spezialmöbel notwendig. Auch mehrstündige Ausschusssitzungen im Landtag scheinen ihn bisher in keinster Weise beunruhigt zu haben.

Zusammenfassend :
Herr Schellenberger hat in seiner Position eine besondere Außenwirkung. Mit dieser muss er verantwortungsvoll umgehen. Mit seiner Forderung nach einem 7er BMW trägt er zur Politikerverdrossenheit bei und bestätigt die gängigen Vorurteile über Politiker, wie Machtdenken, Eigennutz, Egozentrik und Abgehobenheit auf eine selten dagewesene Weise.

Es hätte ihm und dem Kulturressort gut zu Gesicht gestanden, auf den 7er BMW zu verzichten und die übliche Krankenversorgung in Anspruch zu nehmen. Es entsteht der Eindruck, dass man als Politiker auch bei gesundheitlichen Beschwerden Privilegien erhält.

Wo normale Bürger eine Gehilfe oder einen Rollstuhl mitunter erst im Widerspruchsverfahren von ihrer Krankenkasse bezahlt bekommen, wird Herrn Staatssekretär ein Auto verschrieben, welches sich mit einem Durchschnittsverdienst von 3.264 Euro Brutto im Monat die wenigsten Menschen in Sachsen-Anhalt leisten können (Grundpreis 7er BMW 730d xDrive = 88.000 Euro). Allein das Ausstattungspaket für die Rückbank mit den Executive Lounge Sitzen kostet laut aktueller BMW-Preisliste mindestens 12.500 Euro.

Hier geht es um Augenmaß und ein Gefühl dafür, was moralisch vertretbar ist. Politiker sind keine Menschen erster Klasse, sie haben lediglich aufgrund einer Wahl einen Vertrauensvorschuss der Wähler erhalten. Dieses Vertrauen hat Herr Schellenberger mit seinem Verhalten verspielt.

Heute berichteten Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme über das Thema.

Wie rettet man eine Bank?

16. September 2018  Fachpolitik, Im Landtag

In den Medien ist in letzter Zeit über die Probleme der Nord/LB berichtet worden. Das Schifffahrtsgeschäft hat die Bank in den vergangenen Jahren Milliarden-Verluste beschert. Aktuell steht nun ein Stresstest an, der die Leistungsfähigkeit der Bank überprüfen soll.

Nach der Finanzkrise 2007 und dem drohenden Zusammenbruch des Bankensystems hat der Bund mit viel Steuergeld eingegriffen, um das Schlimmste zu verhindern. Damit Banken nicht mehr in eine solche Schieflage geraten können, wurde das Instrument des Banken-Stresstests eingeführt.

Beim Stresstest werden die finanzielle Leistungsfähigkeit der Bank, die Risiken von Investitionen und der Geschäftspolitik sowie weitere Risikofaktoren überprüft. Vom Ergebnis erhoffen sich  Banken und Aufsichtsbehörden Rückschlüsse über die tatsächliche Stabilität der Bank. Durch genaue Auswertung der Banken-Stresstest-Ergebnisse können dann entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden, um erkannte Probleme zu beheben.

Die Nord/LB ist keine “normale” Bank, sondern eine Anstalt öffentlichen Rechts, also eine Landesbank, die von den Ländern Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gegründet wurde. Diese Länder haben einen gemeinsamen Staatsvertrag. Träger der Bank sind neben Niedersachsen und Sachsen-Anhalt auch der Niedersächsische Sparkassen- und Giroverband, der Sparkassenbeteiligungsverband Sachsen-Anhalt und der Sparkassenbeteiligungszweckverband Mecklenburg-Vorpommern.

Aber wozu eigentlich eine Landesbank? Sie soll die Länder bei der Erfüllung öffentlicher Aufgaben unterstützen. Sie ist für die Sparkasse eine Sparkassenzentralbank, bei der sie z.B.Kredite aufnehmen können. Sie kann für die Länder besondere wirtschaftliche oder finanzpolitische Aufgaben übernehmen und sich dazu Landesförderinstituten (z.B. der Investitionsbank) bedienen.

Sachsen-Anhalt ist mit 5,57 Prozent an der NORD/LB beteiligt. Den weitaus größten Teil trägt das Land Niedersachsen mit 59,13 Prozent.

Wenn nun die Bank Verluste macht, müssen die Träger entscheiden, was sie tun wollen, um der Bank zu helfen. Der auf den ersten Blick einfachste Weg ist eine Kapitalerhöhung, d.h. die Träger geben der Bank Geld. Es kann auch ein privater Investor dazu geholt werden, der Geld mitbringt, aber höchstwahrscheinlich auch Bedingungen stellt. Außerdem muss geschaut werden, was in der Bank getan werden kann, um wieder in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen. Im Fall der NORD/LB ist das u.a. der Abbau von schwierigen Schiffskrediten.

Egal, welche Entscheidung der Aufsichtsrat und die Trägerversammlung treffen, die Landesparlamente müssen einbezogen werden. Unsere Aufgabe wird dann sein, zu entschieden, ob wir dem Vorschlag der Träger folgen. Wollen und können wir mehr Geld geben? Wollen wir eine Aktiengesellschaft mit privaten Investoren? Geben wir unseren Anteil ab? Was passiert dann mit der Investitionsbank? Soll sie weiter staatliche Aufgaben wie die Abwicklung der EU-Strukturfonds für uns erledigen, wenn die Bank privatisiert ist?

Ende des Jahres entscheidet sich, welche Strategie die Gremien der Nord/LB verfolgen, um den Stresstest zu bestehen, danach sind wir als Land und Träger gefragt.