Westdeutsche Vorurteile und fehlende Familienfreundlichkeit

19. Oktober 2017  Im Landtag

Leider habe ich die erste Erkältungswelle voll mitgenommen und schniefe in dieser Woche noch ziemlich herum. Das passt gerade gar nicht, weil es eine Woche mir sehr vielen Terminen ist. Eigentlich wollte ich am Montag zum Treffen der Kinder- und Jugendpolitischen Sprecher von Bund und Ländern nach Schwerin fahren, den Tag habe ich dann aber zuhause auf der Couch verbracht. Das war im Nachhinein eine gute Entscheidung, denn die darauffolgenden Tage hatten es in sich. Am Dienstag wartete neben der üblichen Arbeitskreis- und Fraktionssitzung auch noch ein Abstimmungsgespräch, eine Besuchergruppe, die Vorbesprechung des Finanzausschusses und ein Termin im Wahlkreis auf mich. Ich staune immer noch, dass die enge Terminkette tatsächlich funktioniert hat.

Vierseitige Tagesordnung und dicke Aktenmappe für den Finanzausschuss

Die Besuchergruppe, zu der ich durch eine Anfrage des Besucherdienstes kam, verbringt eine Woche Bildungsurlaub bei uns in Sachsen-Anhalt, inklusive Führung und Gespräch im Landtag. Mit dieser Gruppe, die aus einer westdeutschen Großstadt kam, diskutierte ich nicht nur über die Arbeit im Landtag, sondern auch mehrfach über das Thema Ost-West.

Das Thema kam eher unterschwellig daher, durch verurteilende und sogar etwas herblassende Äußerungen über die Menschen im Osten. Der Gruppenleiter schien die Reise als Safari in die Kolonialgebiete der Bundesrepublik zu sehen und wollte den Mitreisenden mal zeigen, wie die im Osten so leben. Da habe ich dann Paroli geboten. Es ist wirklich erstaunlich und wirklich traurig, dass es immer noch so viele Vorurteile und Vorverurteilungen gibt. Da war deutlich ein Zwei-Klassen-Denken zu merken, also Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse. Trotzdem oder gerade deswegen ist es gut, dass die Gruppe (in der es offensichtlich auch andere Meinungen gab), nach Sachsen-Anhalt gekommen ist und sich weiterbildet.

Gestern tagte dann der voll gepackte Finanzausschuss mit 24 verschiedenen Themen aufgeteilt in 18 Tagesordnungspunkte. Zu Beginn tagten wir gemeinsam mit dem Sozialausschuss zum KompetenzZentrum soziale Innovation. Das war eine gute und wichtige Sache. Es gab eine zirka einstündige Diskussion, an der auch die Projektpartner des Kompetenzzentrums teilnahmen und uns Rede und Antwort standen. Es gibt zwar immer noch offene Fragen z.B. vom Landesrechnungshof, diese werden aber wegen ihrer Komplexität schriftlich beantwortet. Hoffentlich ist dann endlich alles geklärt. Das Kompetenzzentrum wird am 8. November in Halle eröffnet und startet dann offiziell seine Arbeit.

Die weitere Ausschusssitzung gestaltete sich recht zäh. Für die ersten drei Tagespunkte brauchten wir drei Stunden. Irgendwann verliert man in solchen Sitzungen die Hoffnung, noch im Laufe des Tages nach Hause zu kommen. Als gegen 19 Uhr immer noch kein Ende in Sicht war, strich ich jedoch die Segel. Durch die vielen langen Ausschusssitzungen (der letzte PUA tagte bis 19 Uhr) und diverse Wahlkreistermine, die auch meist in den Abendstunden stattfinden, ist es kaum möglich, Zeit mit der Familie zu verbringen. Oftmals beschränkt sich die gemeinsame Zeit mit den Kindern auf ein bis maximal zwei Stunden am Tag. Das finde ich zu wenig. Gestern konnte ich immerhin das jüngste Kind ins Bett bringen. Heute und morgen wird das leider nicht gelingen.

So frei und unabhängig wir Abgeordneten in unserer Arbeit doch sind, so schwierig ist es auch, alle Bedürfnisse, Anfragen, Wünsche und Termine unter einen Hut zu bekommen. Das ist schade, bleibt doch immer ein Gefühl der Zerrissenheit und ein schlechtes Gewissen denjenigen gegenüber, für die gerade keine Zeit bleibt.