Die Ost-West-Debatte

08. Februar 2018  Unterwegs

Vor einigen Tagen hat die Bundesrepublik mal wieder das Ost-West-Thema für sich entdeckt. Am 5. Februar war die Mauer genau so lang weg, wie sie stand. Mit jedem weiteren Tag, der vergeht, wird also die Zeit nach Bestehen der Mauer länger sein als die Zeit mit Mauer.

Dieses historische Datum nahmen viele Medien zum Anlass, sich mit dem zu beschäftigen, was seit der Wende passiert ist. Auch die Koalitionsverhandlungen im Bund brachten eine weitere Komponente in dieses Thema. Die ostdeutschen Regierungschefs versuchten, mit einer gemeinsamen Erklärung die Koalitionsgespräche um Ost-Themen zu bereichern. Das ist nach den nun abgeschlossenen Gesprächen offensichtlich (und wenig überraschend) nicht gelungen.

Wenn ich es zeitlich schaffe, bin ich für unsere Fraktion mit dem “Ost-Thema” unterwegs. Ich versuche, unsere Positionen darzulegen, den Osten zu erklären, auf bestehende Ungerechtigkeiten hinzuweisen und Lösungsideen zu unterbreiten.

Podiumsdiskussion mit Norbert Pohlmann, Sarah Schmidt und Hanna Kirchner

Ende Januar war ich von der Uni Magdeburg zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel “Es wächst zusammen, was zusammen gehört? – Eine Ost-West-Debatte” eingeladen. Diskutiert werden sollte, was die Wende für die Menschen im Osten bedeutete, wer die Eliten im Osten stellt und wie die Zukunft für Ostdeutschland gestaltet werden kann.

Mit mir auf dem Podium saß Hanna Kirchner vom Verein der in der DDR geschiedenen Frauen und Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Forum Gestaltung in Magdeburg. Geplant war außerdem die Teilnahme von zwei Uniprofessoren aus den alten Bundesländern. Leider sind beide kurzfristig erkrankt.

Die Diskussion vor studentischem Publikum hat viel Spaß gemacht, viele Aspekte der Wende beleuchtet und diverse noch offene Fragen angesprochen. Wir stellten gemeinsam fest, dass vieles, was kurz nach der Wende und auch heute in Ostdeutschland möglich war und ist, so in der alten Bundesrepublik nicht vorstellbar wäre. Als Beispiel nannte ich die Besetzung von Posten in der Wirtschaft, in den Medien, in der Politik und bei Hochschulen. In keiner westdeutschen Landesregierung sind 70 Prozent der Minister aus dem Osten, meist ist es nicht einer. In Sachsen-Anhalt sind von zehn Minister sieben aus den westlichen Bundesländern. Diese Quote zieht sich durch die Leistungsposten in Verwaltung, bei Gerichten und vielen Großunternehmen. Wir werden 28 Jahre nach der Wende von Westdeutschen geführt.

Wer im Osten geboren oder aufgewachsen ist, wer hier Wurzeln hat, wer hier schon vor der Wende lebte, kann viele Dinge viel besser nachvollziehen, als diejenigen, die erst in den 90er Jahren hinzu kamen. Wir Ostdeutschen sind anders geprägt als der Rest. Genauso wie Bayern anders sind als Hamburger, nur eben noch ein bisschen spezieller.

Wir benutzen eben Wörtern wie “Broiler”, “Kaufhalle”, “Anorak”, “Plaste”, “Aktendulli” oder “Kosmonaut”. Und wir sagen “Dreiviertel neun” und nicht “Viertel vor neun”. Menschen im Osten sind politisch und gesellschaftlich anders geprägt, haben Gleichberechtigung erlebt und gelebt, waren es gewöhnt, ein Leben lang im gleichen Betrieb zu arbeiten, Kinder in Kindergärten betreuen zu lassen und 15 Jahre auf ein eigenes Auto zu warten.

Was wir jetzt leben, ist eine Kopie des Systems der Bundesrepublik. Wir haben das System des Westens übernommen. Chancen einer echten Wiedervereinigung und Neugestaltung wurden nicht ergriffen. Dinge, die hier gut funktioniert haben (Kinderbetreuung, Schulbildung, Krankenversorgung), wurden schnell als minderwertig abgetan. Genauso wie Berufsabschlüsse, Studien, Arbeitsbiografien und Familienmodelle.

Wir haben versucht und versuchen immer noch, genauso zu sein, wie es der Westen vorgibt, wie es von Menschen erwartet wird, die unbedingt dazu gehören wollen. Dabei ist klar, dass wir immer nur eine Kopie, eine Nachahmung des Originals sein werden, bewertet vom Rest der Republik.

Wir haben viele fähige junge Menschen, Arbeitsplätze, Familienmitglieder, Eigentum und jede Menge Selbstwertgefühl verloren. Wer mit seiner Biografie, seinem Berufsabschluss, seinen Erfahrungen und seinem Ersparten plötzlich nichts mehr anfangen kann, verliert nicht nur Perspektiven sondern auch seinen Stolz.

Viele fühlen sich noch heute als Bürger zweiter Klasse. Einige dieser Menschen, die nach der Wende keine Arbeit mehr fanden, die im neuen System nie wirklich Fuß fassen konnten oder eine andere Zukunft erwarteten, sind heute diejenigen, die bei Pegida dabei sind und die AfD wählen.

Es gibt noch immer eine Menge Ungerechtigkeiten, Vorurteile und enttäuschte Hoffnungen. Mit blühenden Landschaften meinte Helmut Kohl damals sicher nicht eine ausgestorbene Altmark und Industriebrachen in Mansfeld-Südharz.

Ich finde, es ist Zeit für eine Inventur. Es ist Zeit zu schauen, was wir seit der Wende erreicht haben, was gut geworden ist (Infrastruktur, Senkung der Erwerbslosenquote, Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen, Chancengleichheit für die junge Generation), was noch zu tun bleibt und was wir vielleicht an Unterschiedlichkeiten akzeptieren und ertragen müssen.

Auch Anpassung hat ihre Grenzen. Ostdeutsche sollten genauso stolz auf sich sein können, wie es Bayern auf sich sind. Menschen im Osten sollten endlich ihre eigene Elite sein können.

Wie das gehen soll? Vielleicht durch Quoten. Vielleicht durch spezielle Förderungen. Vielleicht durch Aufbegehren. Vielleicht durch eigene, ostdeutsche Lösungen. Auf jeden Fall aber durch Reden, Diskutieren, Intervenieren, durch Richtigstellen, Einmischen. Durch Aushalten, Akzeptieren und Führen dieser Ost-West-Debatte. Und unbedingt durch Zuhören. Die Menschen im Osten, die erste, zweite und die dritte Generation Ost haben es verdient, dass man ihnen zuhört, dass man sie (endlich) ernst nimmt und sie so sein lässt, wie sie sind: Ostdeutsch.